New Translations of Oleg Sentsov’s Stories in German

In 2015, Kyiv publishing house “Laurus” published a collection of stories by Ukrainian writer and filmmaker Oleg Sentsov, who is illegally sentenced by Russian court to 20 years in a colony of strict regime. Thereafter, to support Sentsov his texts have been translated into different languages of the world. In particular, on the PEN International website there are three stories of Oleg translated in English. In 2017, a French edition of this collection was published in translation by Iryna Dmytryshyn.

PEN Ukraine publishes the stories of Oleg Sentsov “Grandma” and “Childhood” in German translation by Ganna Gnedkova.

 

Oleg Sentsov

Oma

Ich hatte eine Großmutter und ich mochte sie nicht. Das kann passieren. Es kann auch passieren, dass du als Frau geboren bist, in einem kleinen Dorf lebst und dein ganzes Leben lang arbeitest, dass nur eines von deinen vier Kindern überlebt, dass der Ehemann dich schließlich wegen einer anderen verlässt und dass du allein bleibst. Wobei nicht ganz alleine – mit einem Kind. Das Kind wächst dann auf, geht zur Schule, dann zur Armee, dann heiratet es und übersiedelt weit, weit weg, um da für immer zu leben. Und dann verbleibst schon ganz du alleine. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ist, und ich möchte es mir wirklich nicht vorstellen. Der Sohn kommt sehr selten, bringt einen Enkel oder eine Enkelin mit. Aber sie bleiben kurz und widerwillig. Dann wirst du siebzig, dein Sohn kommt zum letzten Mal, ihr verkauft dieses alte Holzhaus und du ziehst zu ihm, weit, weit weg in ein Steinhaus. Da leben bereits, außer dem Sohn, seine Frau und seine Enkel und Enkelin. Sie alle freuen sich nicht über dich. Aber niemand beleidigt dich, jeder toleriert dich – das heißt „Elternpflege“. Dein Raum ist getrennt, neu, alle Dinge darin sind jedoch alt, aus deinem Holzhaus her transportiert. Bald ist das Zimmer durchnässt und beginnt nach Alter zu riechen. Die Rente bekommst du regelmäßig, niemand nimmt sie dir weg und man fragt nicht einmal danach. Du kannst sie so ausgeben wie du willst. Du willst üblicherweise ins Geschäft gehen, manchmal einen Teil davon der Frau deines Sohnes geben – es mangelt an Geld in jeder Familie und auch diese Familie ist keine Ausnahme. Den Rest legst du auf dein Sparbuch, denn das gehört sich so. Du machst das und die Familie, bei der du lebst, macht das. Das muss so sein, das ist sicherer so. Von Tag zu Tag bringt man dir Zeitschriften, diese kann man lesen. Manchmal wirst du ins Wohnzimmer gerufen um fernzusehen. Zum Essen ruft man dich regelmäßig. Samstags wird dir ein Bad angeboten und du wirst gefragt: „Ob Sie etwas waschen müssen?“. Abends kannst du beten, auf den Knien in einem alten Nachthemd. Nachts kannst du in eine ein Liter Dose urinieren (hinaus auf die Toilette zu gehen ist dunkel und kalt). Noch kannst du Briefe an dir ähnliche Omas schreiben, die weit, weit weg wohnen, und manchmal kannst du Antworten erhalten. Mit den Jahren werden immer weniger Briefe abgeschickt und empfangen. All diese Aktivitäten nehmen nur einen kleinen Teil deiner Zeit in Anspruch. Den Rest der Zeit kannst du in deinem Zimmer am Fenster sitzen und hinaussehen. Alles ist zu sehen: wer kommt, wer geht, wer sich dem Gartentor von der Seite nähert, wer die Straße verlässt, wer die Straße entlanggeht, wer durchfährt. Die Straße selbst ist aber schlecht sichtbar – das Tor ist besser zu sehen, dafür ist das Fenster groß und mit Vorhängen. Du kannst dich manchmal hinter ihnen verstecken, so dass man nicht bemerkt, dass du alle beobachtest. Und so vergehen 12 Jahre. Also, 12 Jahre… 12 Jahre haben Oma und ich in einem Haus gewohnt. Was habe ich von ihr gewusst? Nichts. Sie von mir? Noch weniger. Ob wir mal geredet haben? Ja. Worüber? Über nichts. Manchmal belästigte sie mich mit ihren altersbedingten Belehrungen, aber sie waren nutzlos, und ich ging weg von ihnen oder ging einfach weg. Sie war nicht sehr klug, ein bisschen gemein, ziemlich dick und alt und ich mochte sie nicht. Hat sie mich geliebt? Weiß nicht. Damals dachte ich kaum darüber nach – ich war jung, schmächtig, stellenweise klug und ein wenig gebildet, also beleidigte ich sie nicht und geduldete sie. Und lachte sie heimlich aus. In dieser Familie lachten alle über sie und ärgerten sich oft mit oder ohne Grund. Sie hat nicht viel gelitten, aber sie war auch nicht glücklich. Die Enkelin heiratete, zog weg, bald hatte sie ein Kind – ein Urenkel. Die Enkelin und ihr Ehemann lebten in der Nähe und kamen oft mit dem Kinderwagen, in dem das Kind lag. Das Kind war noch sehr klein und schlief deshalb ständig, aber die Großmutter trug den Stuhl trotzdem immer aus ihrem Zimmer und setzte sich lieber neben den Kinderwagen – das hieß „Enkelpflege“. Dann wuchs das Kind auf und die Frau des Sohnes, die man im Scherz und wegen ihres neuen Status ebenfalls Großmutter nannte, kümmerte sich weiter um ihn. Und der alten Großmutter wurde der Urenkel nicht anvertraut, im Allgemeinen wurde ihr nicht viel in diesem Haus anvertraut – was, wenn sie etwas falsch macht und es der Frau des Sohnes nicht gefällt.  Aber die Großmutter schaffte es trotzdem noch, etwas zu tun, und natürlich falsch, und natürlich gefiel es der Frau des Sohnes nicht. Jeden Abend fand ein bis zu jeder Nuance bekannter und praktisch zum Gesprächsritual erhobener Dialog über das Geschirr statt:

— Liusia, geh, ich spüle das Geschirr ab.

— Ach ich spüle es selber ab, es gibt kaum etwas zu spülen.

Und so ging es jeden Abend, jeden Tag, und so ging es bei allem – stille wortlose Ablehnung und Geduld anstatt Respekt und Toleranz. Die Großmutter war aber nicht beleidigt. Sie wuchs auf und lebte ihr ganzes Leben lang im Dorf, las nach Silben, war einfach, nicht sehr klug, ein wenig dick und alt, und außerdem begann sie schlecht zu hören. Großmutters Gesundheit war gut, sie wurde fast nie krank, obwohl sie sich oft über ihre Gesundheit beschwerte, besonders über ihr Herz, aber das bekümmerte kaum jemanden. Und dann an einem ruhigen Sommertag starb ihr Sohn, und sie saß auf einer Bank im Hof des Steinhauses und weinte, ihre Augen waren rot, und ihre Hände klatschten ständig auf ihre Knie. Am Abend kamen Leute, alle bedauerten sie, es gab viele von ihnen. Sie bemitleideten die ganze Familie, einschließlich der Großmutter, und es war ihr angenehm, dass man auf sie achtete. Das Leben ging weiter. Es war nicht vorbei. Das Leben hört überhaupt nie auf, selbst wenn jemand es verlässt. Die Großmutter begann öfter Namen und Daten zu vergessen, auch den Kessel auf dem Feuer, das offene Wasser und das Gas. Sie wurde nicht öfter krank, aber sie begann sich schlechter zu fühlen, wurde älter und begann noch mehr Probleme zu erzeugen. Der Enkel hatte lange in der Stadt gelebt, der Urenkel wuchs auf und ging zur Schule, er war noch weniger an den Angelegenheiten seiner Großmutter interessiert. Und sie lebte allein, oder vielmehr zusammen mit der Frau ihres Sohnes, sie war schon über 80 Jahre. Die Frau des Sohnes wurde ebenfalls alt und krank, und es wurde immer schwieriger und unbequemer für sie, sich um eine unnötige und ungeliebte Person zu kümmern. So vergingen noch ein paar Jahre, das letzte Jahr unter den Sätzen: „Sie ist jetzt niemand mehr für mich… Ich kann nicht mehr auf sie aufpassen… Es wird ihr dort besser gehen… Da arbeitet meine Bekannte, es ist gut da…“

Es gab keine Versammlung und kein Abstimmen, es gab eine stillschweigende Übereinkunft. Eines Tages nahm man die Großmutter und ihre gesammelten Sachen und lud sie ins Auto. Sie sagten, sie brächten sie ins Krankenhaus, meine Großmutter war entzückt (sie dachte zu dieser Zeit schon sehr schlecht). Dann brachten sie sie in ein Pflegeheim.

Dorthin wurde ihre Rente überwiesen, dorthin wurden ihre Dokumente übergeben und dann hatten wir keine Großmutter mehr. Ich lebte in der gleichen Stadt, in dem dieses Pflegeheim war, gründete eine Familie, kriegte Kinder. Wenn ich mich schon an meine Großmutter erinnerte, dann selten, ich fragte nie nach ihr und wollte sie nicht sehen. Es war mir peinlich und unangenehm. Ich mochte sie nicht, sie war alt, ein bisschen gemein, dick und nicht sehr klug, ich versuchte, nicht an sie zu denken und hätte sie fast vergessen. Mama besuchte sie zuerst sehr selten und dann nicht mehr –  auch sie wurde schon eher alt als jung und eher krank als gesund.

Über die Großmutter sprach man in unserer Familie nicht mehr. Es vergingen einige Jahre, als hätte jemand gesagt, dass sie gestorben sei. Es war nicht klar, wer und wem man das gesagt hatte, aber niemand kümmerte sich es herauszufinden, und irgendwie lebte jeder weiter. Dann vergingen noch ein paar Jahre, und plötzlich rief man aus dem Krankenhaus für die Alten an und berichtete, unsere Großmutter sei vor kurzem gestorben, ob die Verwandten sie selbst beerdigen wollten? und werden die Verwandten sie selbst beerdigen? Die Verwandten antworteten, dass sie es tun würden, obwohl ihnen gesagt wurde, dass… nun, es ist doch egal, sie werden es bald tun. Enkel und Enkelin fuhren ihre Großmutter aus dem Pflegeheim abholen. Beim Anblick der Krankenschwestern, die im Aufenthaltsraum Tee mit Süßigkeiten tranken, machte die Enkelin ein trauriges Gesicht und nannte den Nachnamen und den Erscheinungsgrund. Der Enkel ging um den Körper in der Leichenhalle identifizieren. Sie wurde auf einen Wagen gelegt, sie lag auf der Seite, sehr alt, ganz krumm und verschrumpelt. Und der Enkel erkannte seine Großmutter nicht wieder, er erkannte nur die Kleidung. Aber er sagte niemandem etwas, und leise legten er und der Pfleger einen sehr leichten Körper in den Sarg. Der Deckel wurde sofort zugeschlagen. Ein Leichenwagen, ein gelber Bus mit schwarzem Streifen, trug die Großmutter zurück ins Dorf, zu Boden, zu ihrem Sohn. Der Enkel hielt den Sarg, damit er nicht zitterte. Der Fahrer hatte es eilig, das Grab wurde schnell geschlossen, es gab keine Menschen, es gab Novembernieseln.

Ich habe eine andere Großmutter. Sie lebt seit weit, weit weg und ist schon sehr viele Jahre alt. Ich sehe sie sehr selten, aber immerhin liebe ich sie, zumindest ein bisschen. Sie ist zwar alt und launenhaft, ist aber auch fröhlich und freundlich. Sie ist sehr klein und schlank. Sie ist jetzt sehr alt und sehr krank, sie hat einen sehr schlechten Verstand und verursacht eine Menge Sorgen. Sie lebt mit ihrer Tochter, die nebenamtlich meine Tante ist. Die Tante ist auch schon seit langem eher alt als jung und eher krank als gesund.  Sie streiten sich ständig. Dies heißt „Omapflege“. Bei ihnen wohnt auch die Tochter der Tochter der Tochter von meiner Großmutter, einfach gesagt, eine Enkelin-Urenkelin. Dies heißt „Enkelinpflege“. Und so wohnen sie: die Alte, die Sehr alte und die Junge.

Und meinen Großvater habe ich nur einmal am Leben gesehen. Der zweite Großvater wurde auch nur einmal gesehen, aber auf einem Foto, obwohl es vielleicht nicht er war, ich bin mir nicht sicher. Und es ist auch sehr einfach, denjenigen zu lieben, der weit weg ist, und schwer, es mit demjenigen zu tun, der in der Nähe ist. Und es ist einfach, darüber zu schreiben und schwer, etwas zu tun. Jetzt.

 

Kindheit

 

Man nennt die Kindheit die glücklichste Zeit. Ich stimme zu. Nur würde ich hinzufügen: auch die leichteste. Grundsätzlich. Fast bei jedem. Ich bedaure aufrichtig all jene, die keine Kindheit hatten oder bei denen sie zu früh geendet hat oder nicht hell genug war.

Ich hatte alles – sowohl Kindheit als auch genug Licht darin. Und das Licht machen weder zwei Pfund Mandarinen zu Silvester noch Zeichentrickfilme auf einem Schwarz-Weiß-Fernseher aus. Noch die Anzahl der Geschenke zum Geburtstag.

Mit acht Jahren ist ein Set ungarischer Plastiksoldaten dein ultimativer Wunsch. Ein Auto mit einer Funkfernsteuerung ist ein süßer Traum, den du auch am helllichten Tag träumen kannst. Ob du jene Soldaten tatsächlich hattest, ob man dir jenes Auto wirklich gekauft hat – das wird dann, viele Jahre später, keine Rolle mehr spielen. Und als Erwachsener merkst du, dass dieser Müll, der Staub auf dem Dachboden sammelt, jetzt gar nicht so wichtig ist, aber du verstehst ebenfalls, dass es auch damals für dich als Kind nicht das Wichtigste war.

Was die Hauptsache war und sein sollte, ist die Mutter, ist die Familie, sind Freunde, sind Lieblingstiere, ist alles Lebendige, das dich umgibt, das dieses Licht spendet, das dir immer von innen leuchten wird, egal was danach kommt. Nachher. Nach der Kindheit.

Ich erinnere mich sehr früh an mich. Manchmal scheint es mir sogar, dass ich mich an die Gesichter erinnere, die sich über mich beugten, als ich in einem Kinderwagen lag (obwohl ich nun geneigt bin zu denken, dass ich mich eher an eine Szene aus irgendeinem Film erinnere).

Als Person fühlte ich mich auch sehr früh, im Alter von etwa fünf Jahren. Damals zog ich mir einen Splitter in meinen Finger ein und ich konnte ihn nicht herausziehen. Ein Freund – ich kann mich an dieses Arschloch überhaupt nicht erinnern – sagte mir, dass es mit mir jetzt vorbei sei, dass es

das Ende sei: Der Dorn vom Finger erreicht mein Herz, und ich werde sterben.

Der erste lebhafte Eindruck aus der Kindheit: Ich bin fünf Jahre alt, ich gehe vom Kindergarten heim in Sandalen und Shorts, auf einem Hügel, nicht weit von meinem Dorf (aus irgendeinem Grund mögen Kinder keine Straßen, sie schneiden immer Wege ab und wenn die Straße geradeaus geht, dann kriechen sie durch die Büsche). Also gehe ich hoch, vor mir unten liegt das ganze Dorf, der Kindergarten ist dahinter, weit links ist eine Schule, die ich noch nicht besucht habe, und ich verabschiede mich geistig von all dem und mache mich bereit zu sterben. Die Umgebung ist ruhig, mäßig tragisch, windig. Aber ich weine nicht, wenn es so ist – dann gehört es sich so.

Ich weiß nicht, was als Nächstes passiert ist, ich erinnere mich an meine frühe Kindheit in Stücken, aber da ich noch lebe, bedeutet das, dass der Dorn vorüber ist.

Ich bin sechs. Auf der Straße, kurz vor dem Abend, spielen wir Kriegsspiele. Ich lag mit einer Waffe und mit einem Freund hinter einem Stein, nicht weit von meinem Haus entfernt. Plötzlich schnappt sich jemand von hinten die Plastikpistole, die in meinem Gürtel verstaut war, und steckt sie mir in den Rücken. Ich drehe mich um – der Vater. „Papa, stör mich nicht!“. Die starken schwieligen Hände des Fahrers, schwarz und mit blutigen Flecken – er kommt von der Reparatur. Von der Arbeit. Nüchtern. Ein Glück.

Es ist erstaunlich, welche Stücke die Erinnerung genau aus der Kindheit bewahrt. Ich bin sieben. Mama schlägt mich mit einem Gummischlauch auf die blanken Beine in Shorts – die Nachbarmädchen haben gesagt, dass ich Steine geworfen und ein Fenster bei ihnen zerbrochen habe. Ich war nicht derjenige, der warf, ich stand einfach da und beobachtete, wie die anderen Jungs sie mit Steinen hänselten, überdies brachen an diesem Tag Fenster bei mehreren Leuten heraus – in einem naheliegenden Steinbruch hat man wieder mit Dynamit die Schraube überdreht. Mit dem Gummischlauch hat man aber mich bestraft. Sehr schmerzhaft. Aber vor allem eine Kränkung.

Für nichts… Ich wurde selten geschlagen, nur ein paar Mal und immer wieder für die Missetaten anderer.

Übrigens, zum Thema Steinbruch! Hat man nicht Stein in einem offenen Bruch in der Nähe Ihres Hauses gewonnen? Seltsam. In der Nähe meines Hauses schon. Sehr nah. Und man hat da regelmäßig etwas, jeden Tag, beim Mittagessen in die Luft gejagt. Immer wieder heulte eine Sirene auf – zwei Pieptöne, lang und kurz. Dann, nach einer Pause – Explosion. Wenn Sie Zeit haben, in den Hof zu rennen und zu erraten, wo Sie hinschauen müssen, dann können Sie eine kleine Staubwolke auf dem Berg sehen.

Ich bin acht Jahre alt. Wie immer kamen morgens Freunde zu Besuch, wir sammelten im Garten eine volle Dose Kartoffelkäfer und bauten aus Sand und Müll ein Konzentrationslager für sie…

Am Abend ist mein Geburtstagsfest. Ein Haufen Gäste – Freunde der Eltern. Sie machen Geschenke, meist Geld – so schöne, wichtige Papierstücke, rote oder blaue, mit Lenins Profil darauf. Es scheint angenehm, fröhlich, erwachsen zu sein. Dann, am Morgen, gibst du sie deiner Mutter. Du fragst sie nicht einmal, du gibst sie von selbst – so muss es sein. Dann kauft man dir etwas für sie, oder sie werden für die Bedürfnisse der Familie, für die Budgetanpassung nach den Ferienausgaben verwendet – die Tanten und Onkel sollte man gut mit Essen und Getränken bedienen. Und du hast ein Gefühl von Leere, von Täuschung. Also hörte ich auf mich über Papierstücke mit Lenins Profil an meinen Geburtstagen zu freuen.

Wenn jemand heutzutage mit Geld statt mit einem Geschenk zur Feier meines Kindes kommt, beneide ich ihn nicht – ich bin manchmal selbst für mich selber unheimlich.

Geld bedeutet einem Kind nichts. In der ersten Klasse fand ich in der Schule, auf dem Sportplatz, einen halben Rubel! Ich wusste nicht, was ich mit ihm machen sollte. Der Zustand war, als ob ich jetzt eine Million Dollar mit einem Stück Papier mit der Markierung für UV-Lampen „Markiert vom Amt für Wirtschaftskriminalitätsbekämpfung“ – riesig viel Geld, das man aber nirgends ausgeben kann. Damals bekam ich zehn Kopeken am Tag fürs

Mittagessen, genug für ein einfaches Brötchen. Und plötzlich ein halber Rubel. Ich wusste nicht, was ich damit tun soll, und ich gestand meinen Eltern nichts, ich versteckte das Geld irgendwo, dann verlor ich es und beruhigte mich – wenn das Weib von der Fuhre absteigt, hat es das Pferd leichter… und so weiter…

Neun Jahre alt. Wir kauften uns ein Auto. Den alten „Moskwitsch“. Wir begannen manchmal zum Meer zu fahren – nicht mit einem furchtbaren und langsamen Bus, nicht an Bord eines Kolchos-Pkws mit Holzbänken, sondern mit unserem eigenen Auto! Ich fand es nicht cool, damals gab es so einen Begriff nicht – einfach und schnell. Das Interessanteste an einem Ausflug zum Meer ist, wenn du dich dem Ziel annäherst und noch von Ferne den Meeresstreifen zu sehen versuchst, dessen Ton sich vom Blau des Himmels ein wenig unterscheidet. Und dann steigt das Auto auf den letzten Hügel auf und schließlich siehst du es – eine dünne Linie unter dem Rand des Himmels – das Meer! Bald. Und das Glück fühlst du schon jetzt.

Ich bin zehn. Die Straße, in der Nähe meines Hauses, Abend, Dämmerung. Wir spielen Verstecken. Jungen und Mädchen. Es ist fast dunkel. Noch ein Weilchen – es wird überhaupt nichts mehr sichtbar sein. Aber man kann noch ein bisschen spielen. Und das ist die Hauptsache, man möchte wirklich so lange wie möglich spielen. Alle sind zusammen, alle spielen, alle haben Spaß. Ich renne an meinem Tor vorbei, rieche den Geruch von Bratkartoffeln aus der Sommerküche – man wird mich bald zum Essen rufen und aus dem Raum, in dem der Fernseher steht, kommt durch das offene Fenster die Eröffnungsmusik „TASS darf melden….“ – gleich nach dem Abendessen schafft man es noch zeitlich, das Ende der Folge zu sehen.

Das Bild von Kindheit, das am deutlichsten in meine Erinnerung geprägt ist – ich schließe meine Augen und sehe es immer noch: Die Straße, die Dämmerung, das Spiel, der Geruch von Kartoffeln und der Klang des Splash Screens – ich möchte stillstehen und an diesem Ort für die Ewigkeit leben, obwohl dieser Moment wahrscheinlich ohnehin eine Ewigkeit für mich ist.

Wenn Sie in Ihrer Kindheit keinen einzigen Sommer im Dorf verbracht haben, wenn Sie bei Dämmerung kein einziges Mal mit Ihren Freunden gespielt haben, dann haben Sie jene Kindheit nicht gehabt, die alle Kinder verdienen.

Elf Jahre alt. Unsere Straße – ich, Makar, Sania und Taksik – haben uns endgültig mit der Gruppe von der nächsten Straße zusammengetan: Liolia, Barsuk, Oleg und Belan.

Es ist Sommer. Wir spielen „Tschisch“, oder „Zeisig“, auf dem Asphalt: Man muss abwechselnd Stöcke werfen und zwei übereinanderstehende Dosen abschießen, dann müssen alle Spielenden Stöcke aufheben und derjenige, der das Spiel leitet, bewacht den „Zeisig“ und jagt dich mit seinem Schläger. Du kannst deinen Schläger hochheben und versuchen, den „Zeisig“ abzureißen. Den Stock auf die Finger zu bekommen – das ist das Gefühl aus der Kindheit.

Liolia ist der Anstifter, der Anführer, er ist fünf Jahre älter als ich, fast erwachsen, läuft immer in Trikot und einer Weste herum, witzelt und spottet – er darf das.

Makar ist vier Jahre älter als, ich fett und gesund, mein Nachbar, einer jener Freunde bei denen man an den Moment des Sandkiste-Kennenlernens nicht erinnert, weil das kindliche Gedächtnis ihn gewöhnlich nicht speichert. Makar ist ein enger Freund, also haut man mich nicht wirklich.

Sania und Taksik sind Klassenkameraden, ein Jahr älter als ich, leben drei Häuser von mir entfernt, nur auf gegenüberliegenden Seiten.

Barsuk ist der einzige, der jünger ist als ich, aber er ist ein Nachbar von Liolia, also beleidigt ihn auch niemand, außer Liolia selbst, doch er beleidigt jeden.

Oleg ist ein unterentwickelter übergroßer Idiot, ebenfalls viel älter als ich, angepasst und nicht immer gewalttätig.

Belan stammt, genauso wie Sania, aus einer guten Familie, der lokalen Intelligenz – einer Familie von Dorfvorstehern.

Wir hatten eine fröhliche Gemeinschaft, oder, wie man es heute ausdrückt und vorher nicht gesagt hat – eine Clique. In der Schule kommunizierten wir miteinander fast nie, weil wir alle in unterschiedlichen Klassen waren, aber fast unsere gesamte Freizeit verbrachten wir zusammen.

Mit zwölf Jahren habe ich ein Fahrrad bekommen, wie fast alle in unserer Gemeinschaft, und dann begann es: Angriffe auf Erdbeerfelder und Apfelplantagen, Geschwindigkeitswettbewerbe mit Wächtern, Rennen auf Landstraßen und unebenem Gelände, einschließlich Wasserhindernissen, regelmäßige Wettfahrten und vieles, vieles mehr… Stürze, Abschürfungen an Ellenbogen und Knien, von denen einige keine Zeit hatten, vollständig zu heilen, und folglich zu heilen aufhörten… Und warum entschieden Sania und ich zu wetten, wer von uns beiden weiter freihändig und ohne Bremsen über den scheinbar nicht sehr steilen Berg fahren kann? Sania verlor, bremste vor einer Herde Gänse, ich gewann eine Narbe an meiner linken Wange, die auch nach mehreren Jahren noch nicht verschwunden war, eine Gans gewann einen ausgerenkten Flügel, meine Mutter einen leichten Herzinfarkt, als man mich nach Hause geschleppt hat, kurz, es gab wenige, die mit den Wettergebnissen zufrieden waren… Aber ohne sie war es unmöglich zu leben.

Dreizehn Jahre alt – der Höhepunkt eines Fußballspiels. Wir spielten es schon seit mehreren Jahren – im Frühling und im Herbst, ein wenig im Winter, aber nichts war mit diesem Sommer und vor allem mit diesem Spiel zu vergleichen! Auf brachem Land wurden zwei Stadien erbaut. Es gab Wettkämpfe zwischen den „Straßen“. Siege und Niederlagen. Prügeleien nach dem Spiel – eins zu eins, alle schauen zu, niemand stört.

Fast jeden Tag, wenn die Hitze nachlässt und du den nächsten Verwandten im Haushalt nach Kräften geholfen hast, hörst du zu, wartest nur auf einen Ton: Auf rhythmische Schläge des Balls auf dem Asphalt in einer nahegelegenen Straße – das heißt, Liolia geht aus dem Haus und klopft mit dem Ball mit aller Kraft, von seiner Straße zu der unseren gehend; das heißt, dass wir heute irgendwo in großer Gruppe spielen werden! Du musst dich

schnell umziehen! Socken, im Sommer! Ich setze mich auf die Veranda und schnüre die Turnschuhe. Ich schnüre sie schnell, aber sorgfältig – um es später nicht noch einmal machen zu müssen.

Die Zeit vergeht langsam. Sehr langsam. Eine Minute des Schnürens scheint eine Stunde zu sein. Die Spannung erreicht ihr Limit. Der letzte Knoten ist fertig! Wie eine Kugel fliege ich los – zehn Meter zum Tor, am Ausgang schaffe ich es nicht immer zeitlich, dem Hund, der es nicht immer zeitlich schafft, aus seiner Hütte zu rennen, das Fell zu flicken, dann springe ich auf die Straße hinaus. Da sind die Unseren! Da ist Fußball! Das Spiel wird nicht so bald beginnen, aber das quälende Schnürungsritual ist schon vorbei. Ein heißer Sommertag, an dem nichts Wertvolles passiert ist, ist vorbei. Jetzt wird Fußball gespielt. Und ich werde auch spielen. Mit allen zusammen. Bis zum Abend. Bis zur Dunkelheit. Bis zu verschwitzten T-Shirts und summenden Beinen. Bis zu Abschürfungen und Blasen – spielen. Gott, wie großartig ist es! Danke Dir, dass es das alles gab!

Dann war ich vierzehn. Die Kindheit begann zu enden. Langsam, aber sicher und unwiderruflich. Jemand ging zur Armee, jemand ging in die Stadt, um zu studieren, jemand hatte andere Interessen – die Gemeinschaft zerfiel.

Als ich klein war, betrachtete ich die Größe der Welt so, wie ich sie sehe – das heißt, meine Welt war auf den Horizont beschränkt. Wir lebten in den Vorbergen, also war dieser Horizont nicht sehr weit entfernt und es gab fast überall Erhebungen, daher bildete die Welt eine große Schüssel um mich herum, begrenzt durch die benachbarten Berge, Hügel und Felder. Meine Welt hatte Grenzen, war aber nicht begrenzt. Sie war voll, eine Schüssel voller Kinderglück. Als ich klein war, dachte ich, dass die Sonne sich am Abend über dem Berg in einem großen Netz versteckte, das an der Rückwand des Berges wie Netze in Platzkartenwaggons befestigt war. Und hinter dem Berg gibt es nichts – ich sehe nichts, also gibt es da nichts. Und diese Sonne lebte nachts in diesem Netz, und sie hatte mehrere kleine Sonnen – eine Art Sönnchenfamilie, und es war ihnen weder langweilig noch beengt. Ich weiß nicht mehr, an welchem Lebenspunkt ich erkannte, dass es

kein solches Netz gibt und dass eine Welt jenseits dieses Berges existiert. Ich erinnere mich auch nicht daran, wann die Schüssel dieser Kinderwelt aufhörte zu existieren. Sie hörte auf – und aus. Es blieb nur Licht, das Licht aus der Kindheit.

Es sind fünfzehn Jahre vergangen. Ich lebe seit langer Zeit in der Stadt, selten im Dorf.

Makar wanderte, bummelte viele Jahre und kehrte auch zurück, schloss sich der Gemeinschaft betrunkener Halb-obdachloser an.

Sania zog in eine andere Stadt und kommt auch sehr selten zurück.

Taksik, wie alle vier aus unserer Straße, verlor seinen Vater, nur starb sein Vater nicht an irgendeiner Krankheit des Trinkens – er erhängte sich wegen des Trinkens. Sein Bruder wurde noch früher erschossen, daher ist es nicht verwunderlich, dass Taksik und seine Mutter nun glühende Sektierer sind.

Liolia kehrte nach Hause zurück, heiratete, wurde schlaff, witzelt aber immer noch.

Oleg gab, wie auch Makar, vor langer Zeit die grüne Schlange auf – diese Schlange kümmert sich nicht, ob du klug oder dumm bist, sie frisst alle.

Barsuk geriet mal fast ins Gefängnis, aber er ist immer noch frei, borgte sich eines Tages einen Rubel von mir aus.

Belan fährt einen KAMAZ.

Die Kindheit ist vorbei, sie lebt nicht mehr an diesen Orten. Die Orte blieben gleich, und die Menschen scheinen die gleichen zu sein, aber alles ist anders.

In der Kindheit laufen wir alle, wir haben keine Zeit – wir haben es eilig, uns ist alles interessant, wir müssen alles rechtzeitig schaffen, dafür haben wir genug Energie und keine Zeit. Alles scheint uns zu langsam, zu lang zu sein. Die Schule wird niemals enden. Und es scheint, dass die Schulglocke überhaupt nie klingeln wird!

Ein Junge, der auf einem Bein hüpft und den radelnden Großvater einholt, kümmert sich nicht darum, wie er von der Seite aussieht – er eilt, er rennt, es überwältigt ihn. Ich will nicht langsam sein, ich will es nicht eilig haben. Ich

möchte nie darüber nachdenken, wie ich von der Seite ausschaue. Ich möchte überwältigt sein. Die Kindheit mag vorübergehen, aber ich werde weiter auf einem Bein hüpfen.

 

Übersetzt von Ganna Gnedkova.